Quelle: Kosmos - Das Himmelsjahr 2004
Venus tritt vor die Sonne
Am 8. Juni 2004 findet ein äußerst spannendes astronomisches
Ereignis statt. Kein heute lebender Mensch hat es schon jemals erlebt: Die
Venus wird als dunkler Punkt vor der Sonne innerhalb von sechs Stunden
vorüberziehen. Es ist das erste Mal nach knapp 122 Jahren, dass sich unser
innerer Nachbarplanet zwischen Sonne und Erde schiebt. Man spricht von einem
Venusdurchgang bzw. -transit. Letztmals wanderte die Venus von der Erde aus
betrachtet am 6. Dezember 1882 vor der Sonnen-
scheibe vorbei. Im 20. Jahrhundert fand überhaupt kein Venustransit statt.
Bei klarem Wetter wird man dieses seltene Himmelsschauspiel von Mitteleuropa
aus in seiner vollen Länge beobachten können.
Venusdurchgänge sind sehr seltene Himmelsereignisse, viel seltener als
Sonnen- und Mondfinsternisse und auch seltener als Merkurtransite. Während
Merkur in jedem Jahrhundert dreizehn- bis vierzehnmal vor die Sonne tritt,
kommt dies bei Venus maximal zweimal vor - oder auch gar nicht, wie im letzten
Jahrhundert.
Der nächste Venusdurchgang findet am 5. Juni 2012 statt. Von Europa bleibt
er unbeobachtbar, da die Sonne bei uns längst untergegangen ist, wenn sich
Venus vor die Sonne schiebt. Auch der darauf folgende Venustransit vom 11.
Dezember 2117 ereignet sich zur Nachtzeit in Europa. Erst am 8. Dezember 2125
wird man von unseren Gegenden aus tagsüber wieder einen Venustransit
verfolgen können. Dies bleibt aber kommenden Generationen vorbehalten.
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Alle 584 Tage überholt Venus die Erde. Diese Position wird "untere Konjunktion" genannt. |
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Wann ereignet sich ein Venustransit?
Wie kommt es zu einem Venustransit und warum sind sie so selten? Die Venus
läuft innerhalb der Erdbahn in 225 Tagen einmal um die Sonne. Ihr
mittlerer Abstand von der Sonne beträgt dabei 108 Millionen Kilometer,
während die Erde in knapp 150 Millionen Kilometer Entfernung die Sonne in
365 Tagen umrundet. Von Zeit zu Zeit, nämlich jeweils nach 584 Tagen
(einem Jahr, sieben Monaten und einer Woche), überholt Venus die Erde auf
der Innenbahn. Der Fachmann spricht von "unterer Konjunktion".
Konjunktion heißt "Verbindung". Von der Erde aus betrachtet,
steht Venus in dieser Position in Richtung der Sonne. Sehen wir die Sonne als
"oben" an, dann befindet sich die Venus in der Überholphase
"unterhalb" der Sonne. Blickt man von oben auf die Erd- und
Venusbahn, so bilden Erde-Venus-Sonne eine gerade Linie.
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Stellung der Erde relativ zur Venus bei geozentrischem Beginn und Ende des Venustransits vom 5./6. Juni 2012. Von Mitteleuropa aus bleibt dieser Transit unbeobachtbar. |
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Nun könnte man meinen, dass nach jeweils 584 Tagen, einer so genannten
synodischen Periode, die Venus genau zwischen Sonne und Erde tritt und somit
von uns aus vor der Sonnenscheibe als dunkler Punkt zu sehen ist. Dem ist aber
nicht so. Nicht jedes Mal, wenn die Venus die Erde überholt, also in die
Stellung "untere Konjunktion" kommt, tritt sie vor die Sonne. Dies
wird schnell klar, wenn man die Venus- und die Erdbahn von der Seite her
betrachtet.
Venus und Erde laufen nicht in der gleichen Ebene um die Sonne. Die Venusbahn
ist um 3
4 zur Erdbahnebene (Ekliptikebene) geneigt. Von der Erde aus
betrachtet kann daher die Venus in unterer Konjunktion bis zu 9°
nördlich oder südlich der Ekliptik stehen. Ihre geozentrische
ekliptikale Breite fällt somit weit größer aus als die
heliozentrische. Da der scheinbare Durchmesser der Sonne aber nur ein halbes
Grad beträgt, kommt es selten vor, dass die Venus vor die Sonnenscheibe
tritt. Damit Venus vor der Sonne zu sehen ist, muss sie in unterer Konjunktion
in der Erdbahnebene stehen oder zumindest nicht weiter als ein Viertelgrad von
ihr entfernt sein. In den Stunden knapp vor und nach der unteren Konjunktion
muss sich Venus also in oder nahe einem der beiden Schnittpunkte ihrer Bahn mit
der Ekliptik aufhalten. Diese Schnittpunkte werden üblicherweise als
Knoten bezeichnet. Geht die Venus durch den aufsteigenden Knoten ihrer Bahn, so
wechselt sie von der Süd- auf die Nordseite der Ekliptik. Passiert sie den
absteigenden Knoten, so begibt sie sich auf die Südseite der Erdbahnebene.
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Die Venusbahn ist zur Erdbahn um 3,4° geneigt. In den Punkten K1 (aufsteigender Knoten) und K2 (absteigender Knoten) schneidet sie die Erdbahn. |
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Die Verbindungslinie beider Knoten, die
Knotenlinie, geht durch das Sonnenzentrum und teilt die Venusbahn in eine
nördliche und eine südliche Hälfte. Die Knotenlinie dreht sich
nur äußerst langsam. Für einige hundert Jahre kann man sie fast
als raumfest ansehen. Gegenwärtig liegt die Knoten-
linie im Raum so, dass von der Erde aus betrachtet der aufsteigende Knoten am
8. Dezember vor der Sonne steht, der absteigende hingegen am 7. Juni. Wenn die
Venus in dieser Zeit die Erde überholt, also in untere Konjunktion kommt,
dann tritt sie vor die Sonne und wir erkennen Venus als dunklen Punkt vor der
Sonne. Unser innerer Nachbarplanet zeigt dann die Phase "Neuvenus".
Dabei ist uns die unbeleuchtete Seite des Venusglobus zugekehrt.
Wer kalkulieren will, wann auf einen Venusdurchgang der nächste folgt,
muss ermitteln, bei welchem Knotendurchgang Venus in oder nahe ihrer unteren
Konjunktion steht. Dies ist in erster Näherung nach jeweils acht Jahren
der Fall. Denn fünf synodische Venusperioden entsprechen ziemlich genau
acht siderischen (nicht tropischen!) Erdumläufen. Somit haben Venus, Erde
und Sonne nach acht Jahren (fast) die gleiche Stellung zueinander und relativ
zum Hintergrund der fernen Sterne. Das bedeutet: Nach acht Jahren steht Venus
nicht nur wieder in unterer Konjunktion, sondern die Gerade Sonne - Venus -
Erde zeigt wieder die gleiche Lage im Raum. Ihre Richtung deutet wieder auf die
gleiche Fixsternkulisse. Befindet sich Venus in unterer Konjunktion und
gleichzeitig beispielsweise im absteigenden Knoten, so tritt dieselbe Stellung
nach acht Jahren wieder ein. Jedoch nicht ganz genau, denn Venus ist etwas
schneller: Nach fünf unteren Konjunktionen (2919,5845 Tagen) bleibt die
Erde um 2,46 Tage zurück (acht siderische Jahre sind 2922,048 Tage).
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Am 8. Juni kommt es zu einem Venustransit, da Venus kurz vorher ihren absteigenden Knoten passiert. Acht Jahre später, am 5./6. Juni 2012, erfolgt der Venustransit kurz vor der Knotenpassage. Erfolgen Knotendurchgang und Venustransit zur gleichen Zeit, kommt es nach acht Jahren nicht mehr zu einem erneuten Venusdurchgang (unterer Teil der Abbildung). |
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Venus hat danach ihren Bahnknoten schon
passiert und steht 22' südlich von der Ekliptik. Da der scheinbare
Sonnenradius jedoch nur 16' misst, kommt es nicht mehr zu einem Transit (im
Falle des aufsteigenden Knotens steht Venus dann nördlich der Ekliptik). Es
kommt nur dann nach acht Jahren wieder zu einem Venusdurchgang, wenn die beiden
Konjunktionen einigermaßen symmetrisch zur Knotenpassage liegen. So kommt
Venus im Juni 2004 nach Passieren des absteigenden Knotens in untere
Konjunktion und tritt vor die Sonne. Acht Jahre später, nämlich im
Juni 2012, kommt sie zweieinhalb Tage früher in untere Konjunktion und
somit noch kurz vor ihrem Knotendurchgang. Es tritt abermals ein Transit ein,
da Venus schon nahe der Ekliptik steht (oberer Teil der Abbildung rechts).
Würde am 8. Juni die untere Konjunktion exakt mit der Knotenpassage
zusammenfallen, so käme es im Juni 2012 nicht zu einem Venusdurchgang
(unterer Teil der Abbildung rechts). Venus wäre dann noch zu weit
nördlich der Ekliptik, wenn sie in untere Konjunktion kommt.
Nimmt man vereinfachend an, dass Erde und Venus die Sonne in Kreisbahnen
umrunden und keine Störungen durch andere Planeten erfolgen, dann wandert
die Position unter den Fixsternen, in der Venus jeweils ihre untere Konjunktion
erreicht, in 121,5 Jahren vom aufsteigenden zum absteigenden Knoten. Somit
kommt es nach 121,5 Jahren abermals zu einem Venustransit. Allerdings laufen
Venus und Erde nicht auf exakten Kreisbahnen um die Sonne, sondern auf
Ellipsen. Nach dem zweiten Keplerschen Gesetz der Planetenbewegung variiert die
Bahngeschwindigkeit mit der Entfernung von der Sonne. In Sonnennähe laufen
die Planeten schneller. Außerdem ändert sich die scheinbare
Größe der Sonne am irdischen Firmament. Im Winterhalbjahr sind wir
der Sonne näher als im Juni/Juli. Beide Effekte zusammen bewirken eine um
sechzehn Jahre frühere Wiederholung eines Venustransits, das sind zehn
synodische Venus-
perioden, wenn der Wechsel vom absteigenden zum aufsteigenden Knoten, also von
einem Transit im Juni zu einem Transit im Dezember erfolgt. Auf den
Venustransit vom 5./6. Juni 2012 folgt bereits nach 105,5 Jahren, nämlich
am 11. Dezember 2117 der nächste. Ein voller Transitzyklus hat somit eine
Gesamtlänge von 243 Jahren. Nach zwei Dezembertransiten im aufsteigenden
Knoten im Abstand von acht Jahren folgen nach 121,5 Jahren zwei Junitransite,
ebenfalls im Abstand von acht Jahren hintereinander. Dann muss man 105,5 Jahre
warten, bis der nächste Venusdurchgang wieder im Dezember stattfindet.
Somit ergibt sich als Gesamtperiode:
8 + 121,5 + 8 + 105,5 = 243 Jahre.
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Venustransite von 1396 bis 2012 |
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Dieser Zyklus wird allerdings nicht streng eingehalten
und hat auch nicht für alle Zeiten Bestand. Manchmal fällt die
achtjährige Doppelfolge eines Venustransits schlicht aus. So wanderte
Venus am 26. November 1388 knapp nördlich an der Sonne vorbei; es kam
gerade nicht zu einem Transit. Acht Jahre später, nämlich am 23.
November 1396 zog Venus von niemandem beobachtet dann über die
Sonnenscheibe.
Der gegenwärtig ablaufende Zyklus von
Venustransiten von 8 - 121,5 - 8 - 105,5 Jahren begann am 7. Dezember 1631 und
endet am 14. Juni 2984. Danach wird eine Reihe von Einzeltransiten im Dezember
erfolgen ohne Wiederholung nach acht Jahren im Dezember. Die
Zyklusveränderungen werden durch die Drehung der Knotenlinie der Venusbahn
bewirkt. Eine volle Rotation der Knotenlinie dauert 63.220 Jahre. Pro Jahr gibt
dies eine rückläufige Knotenbewegung von 20
5. Dieser Effekt wird
überlagert durch die Präzession der Erde: Der Frühlingspunkt verschiebt
sich ebenfalls retrograd, also rückläufig pro Jahr um 50
3. Die Kombination
beider Effekte bewirkt eine prograde, also von West nach Ost erfolgende
Bewegung der Venusknoten in der Ekliptik von 29
8 (50
3-20
5). Pro Jahr nehmen also die
geo-
zentrischen ekliptikalen Längen der Venusknoten zu. Dies bewirkt in einem
Zyklus von 243 Tagen eine Verspätung von rund zwei Tagen, bis die Sonne
wieder den gleichen Knoten passiert. So kam es am 4. Dezember 1639 zu einem
Venustransit. Der Transit von 1882 fand dann aber am 6. Dezember statt und
derjenige im Jahr 2125 wird erst am 8. Dezember eintreten. Nach dem Jahr 4000
verschieben sich die Dezemberdurchgänge in den Januar und die Junitransite
in den Juli.
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Am 8. Juni kommt es zu einem Venustransit, da Venus kurz vorher ihren absteigenden Knoten passiert. |
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Der Venustransit vom 8. Juni 2004
Nach knapp 122 Jahren erscheint Venus wieder einmal als dunkler Punkt vor der
Sonnenscheibe. Am Dienstag, den 8. Juni 2004, kommt Venus um 10
MEZ in untere
Konjunktion mit der Sonne. Dabei erreicht sie mit 43,2 Millionen Kilometer ihre
geringste Entfernung von der Erde. Da sie am 7. Juni um 16
MEZ ihren
absteigenden Knoten passiert, kommt es zu einem Transit - Venus erscheint vor
der Sonnenscheibe. Der Venusdurchgang beginnt in Mitteleuropa um zwanzig
Minuten nach sieben Uhr morgens Sommerzeit. Um diese Uhrzeit steht die Sonne
schon hoch am östlichen Firmament. Kurz vor halb zwei Uhr mittags
Sommerzeit endet das kosmische Schauspiel. Somit ist der Venustransit vom 8.
Juni in seiner vollen Länge von Mitteleuropa aus beobachtbar - sofern das
Wetter mitspielt.
Im Unterschied zu einer Sonnenfinsternis, bei der sich die dunkle
Neumondscheibe von West nach Ost über die Sonne schiebt, ziehen bei einem
Transit Merkur und Venus stets von Ost nach West über die Sonnenscheibe.
Dies liegt daran, dass sich ein Planet in unterer Konjunktion am irdischen
Firmament rückläufig bewegt.
Bei Transiten werden fünf Zeitpunkte kalkuliert, die den Verlauf des
Ereignisses beschreiben. Es sind die vier Kontaktzeiten, die auch zu messen
sind, sowie die Mitte des Transits. Zur Mitte erreicht der Planet seinen
Minimalabstand vom Sonnenscheibenmittelpunkt.
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Schematischer Verlauf des Venustransits vom 8. Juni 2004. Die Zahlen 1 bis 4 geben die Kontakte an, M - Mitte des Transits, d - Minimalabstand der Venus vom Sonnenscheibenmittelpunkt SM. |
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Der erste Kontakt (t
) ist die äußere
Berührung des Planetenscheibchens mit dem Sonnenrand. Beim zweiten Kontakt
(t
)
berührt das Planetenscheibchen den Sonnenrand von innen. Das dunkle
Planeten-
scheibchen ist zum zweiten Kontakt vollständig zu sehen, es klebt
gewissermaßen am Sonnenrand. Dann löst sich das Planetenscheibchen
und schneidet eine Sehne aus dem Sonnenkreis, indem es über die Sonne
wandert, bis es den Sonnenrand abermals erreicht. Diese erneute, innere
Berührung ist als dritter Kontakt (t
) zu registrieren. Die letzte
Berührung von außen, das endgültige Ablösen des
Planetenscheibchens vom Sonnenrand, wird als vierter Kontakt (t
) notiert.
Welchen Weg das dunkle Planetenscheibchen über die Sonnenscheibe nimmt,
hängt vom Beobachtungsort ab. Das Gleiche gilt für die Kontaktzeiten.
Denn Venus ist uns in unterer Konjunktion so nahe wie kein anderer Planet.
Somit ergibt sich ein parallaktischer Effekt für den Beobachter auf der
Erdoberfläche im Vergleich mit dem fiktiven Standort im Erdmittelpunkt
(Geozentrum). Nicht nur die Pfade, die die Venus auf der Sonnenscheibe
beschreibt, sind vom Beobachtungsort abhängig, sondern auch die
Kontaktzeiten. So erfolgt in Berlin der erste Kontakt um 6
19
44
, der letzte um 12
22
48
. In Bombay
hingegen beginnt der Venustransit um 6
16
13
und endet um 12
21
36
. In Sydney tritt
die Venus um 6
07
20
vor die Sonnenscheibe, in Buenos Aires erfolgt der vierte Kontakt um
12
32
48
(alle
Zeiten MEZ).
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Acht Jahre nach dem Transit vom 8. Juni 2004, erfolgt der Venustransit am 5./6. Juni 2012 kurz vor der Knotenpassage. Erfolgen Knotendurchgang und Venustransit zur gleichen Zeit, kommt es nach acht Jahren nicht mehr zu einem erneuten Venusdurchgang. |
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Venusdurchgänge sind von der gesamten, der Sonne zugekehrten
Erdhälfte aus beobachtbar. Da die Venustransite einige Stunden dauern,
kann ein Transit von mehr als der halben Erdoberfläche zumindest teilweise
beobachtet werden. Aus den in den Ephemeridentabellen vermerkten geozentrischen
Kontaktzeiten kann man schnell entnehmen, ob in einer bestimmten Region ein
Venus-
durchgang beobachtbar ist oder nicht. Die Sonne muss über dem Horizont
stehen. Am 5./6. Juni 2012 erfolgt der geozentrische Venustransit von 23
12
bis 5
53
MEZ.
Gerade mal das Ende dieses Transits lässt sich von Deutschland aus
beobachten.
Aus den
unterschiedlichen Pfaden, die die Venus vor der Sonnenscheibe zurücklegt,
und den differierenden Kontaktzeiten für die einzelnen Beobachtungsorte,
lässt sich die Venusdistanz direkt trigonometrisch ermitteln. In
vergangenen Jahrhunderten hat man sich daher bemüht, Venustransite
sorgfältig zu beobachten, um aus den Messungen die Sonnenparallaxe und
damit die Länge der Astronomischen Einheit (mittlere Entfernung Erde-Sonne)
in Kilometern zu ermitteln (siehe Monatsthema April "Die Suche nach der Sonnenparallaxe").
Die
Beobachtung
Im
Unterschied zu einem Merkurtransit lässt sich Venus bei einem Transit mit
bloßen Augen als dunkler Punkt vor der Sonne ausmachen. Das liegt daran,
dass der scheinbare Durchmesser des Venus-
scheibchens in unterer Konjunktion am 8. Juni zum Beispiel 58"
beträgt, also eine knappe Bogenminute, und mit
einem normalsichtigen Auge lässt sich eine Bogenminute ohne weiteres
auflösen. Auf alle Fälle reicht ein gutes Fernglas, um unseren
inneren Nachbarplaneten zu sehen.
Wegen der Lichtfülle der Sonne muss man bei der Beobachtung jedoch
besondere Schutzmaßnahmen ergreifen. Ein ungeschützter Blick in die
Sonne blendet derart, dass man nicht nur die Venus nicht sieht, sondern auch
sein Augenlicht ernstlich gefährdet. Niemals und unter keinen Umständen
darf man ohne ausreichenden Schutz in die Sonne sehen! Auch nicht für
wenige Augenblicke und erst recht nicht mit einem Fernglas oder gar einem Teleskop! Schwere Augenschäden
bis hin zur Erblindung können die Folge unvorsichtiger Sonnenbeobachtung
sein. Wer sich von der Wirkung der Sonnenstrahlen überzeugen will, benutze
eine Lupe. Man halte sie in die Sonne, so dass das Sonnenlicht durch sie hindurchgeht.
In die Brennebene der Lupe lege man ein Stück Papier. In kurzer Zeit wird
das Papier in der Umgebung des Brennpunktes braun,
dann schwarz und schließlich zeigt sich ein Loch und/oder das Papier
entflammt. Nicht umsonst spricht man von der Brennglaswirkung bei einer Lupe.
Auch bei diesem Versuch ist Vorsicht geboten, damit man nicht zum
fahrlässigen Brandstifter wird oder gar einen Waldbrand entfacht. Selbst
wenn sich die Sonne hinter Wolken teilweise versteckt oder knapp über dem
Horizont tiefrot leuchtet, sollte man nicht in die Sonne sehen. Da die Sonne
jetzt nicht so blendet, mag man glauben, dies gefahrlos tun zu können.
Dies kann jedoch ein folgenschwerer Irrtum sein. Die Netzhaut ist
schmerzunempfindlich. Die Infrarotstrahlung
(Wärmestrahlung) kann allerdings die Netzhaut auch schädigen, wenn
man in die tief stehende Sonne blickt, ohne geblendet zu werden.
Netzhautablösungen lassen sich zwar heutzutage operativ mittels Laser
teilweise wieder korrigieren, doch eine solche Operation ist nicht ohne Risiko.
Zur Sonnenbeobachtung sind auch die oft angepriesenen "Hausmittel"
wie doppelt oder dreifach getragene Sonnenbrillen, berußte Glasscheiben
oder belichtete Filme völlig ungeeignet. Nur Spezialbrillen
(Schweißerbrillen) und Spezialfolien (z. B. Mylar-Folien) eignen sich
für eine sichere Sonnenbeobachtung. Sie sind über den Fachhandel oder
in einschlägigen Optikgeschäften zu beziehen. Vielleicht haben einige
noch ihre "Sofi-Brillen" aus dem Jahr 1999 aufgehoben, als in
Mitteleuropa die letzte totale Sonnen-
finsternis am 11. August stattfand. Man achte auf die Qualitätsgarantie
(CE-Prüfzeichen muss vorhanden sein). Vorsicht vor gebrauchten Filtern!
Man sollte sie unbedingt vorher prüfen: Sind sie beschädigt, haben
sie Löcher oder tiefe Kratzer? Fingerabdrücke sind zu vermeiden,
Folien sind außerdem trocken aufzubewahren.
Für die Sonnenbeobachtung sind kleine, langbrennweitige Refraktoren
(Linsenteleskope) am besten geeignet. Die Objektivöffnung sollte sechs
Zoll (15 cm) nach Möglichkeit nicht überschreiten, wenn man mit der
Projektionsmethode arbeitet. Dabei wird das Sonnenbild auf einen weißen
Schirm (steife Pappe, Blech o. ä.) projiziert, der hinter dem Okular
möglichst stabil angebracht wird (im rechten Winkel zur optischen Achse).
Mehrere Beobachter können so gleichzeitig die Sonne sehen und man kann auf
dem Schirm den Pfad der Venus mit einem Stift markieren. Die Projektionsmethode
ist eine weitgehend sichere Art, die Sonne zu beobachten. Doch auch hier lauern
Fallen. Zunächst ist auf den Sucher zu achten, denn das Sucherfernrohr
wird oft vergessen. So kann es vorkommen, dass man sich unbewusst in die
Kleidung ein Loch brennt. Besonders gefährdet sind Besucher einer
Sternwarte, vor allem Kinder, die plötzlich auf die Idee kommen, schnell
einen Blick durch das Sucher- oder Leitfernrohr zu werfen. Daher: Unbedingt den
Objektivdeckel auf den Sucher oder andere parallele Instrumente setzen.
Bei einer
Öffnung über sechs Zoll sowie langen Beobachtungszeiten (Transite
dauern einige Stunden) kann das Okular, mit dem man beobachtet, überhitzt
werden. Okulare bestehen aus mehreren Linsen, die teilweise verkittet sind,
teilweise ist Luft zwischen ihnen. Bei starker Erhitzung kann der Druck so
groß werden, dass das Okular gesprengt wird.
Okularfilter
sind außerordentlich gefährlich - sie können platzen. Wenn
überhaupt, sollte man nur verspiegelte Okularfilter verwenden, wobei der
Refraktor höchstens bis 8 cm freie Öffnung aufweisen darf (besser 5
cm) und man nicht länger als zwei bis maximal drei Minuten beobachten
sollte. Platzt ein Okularfilter, dann ist das Auge verloren und zwar innerhalb
der Reaktionszeit, noch bevor man sich abwenden kann.
Sicher sind die teureren und aufwändigeren Objektivfilter. Sie verhindern
auf alle Fälle eine Überhitzung der Teleskopoptik. Dunkel gestrichene
Fernrohre können
sich dennoch so erwärmen, dass die optische Qualität leidet.
Refraktoren
sind gegenüber Spiegelteleskopen (Reflektoren) auch deshalb zu bevorzugen,
da sie kontrastreichere Bilder liefern. Der Vorteil der Spiegelteleskope mit
ihrer Licht sammelnden Wirkung ist bei der Sonnenbeobachtung nicht nur
unerheblich, sondern sogar von Nachteil. Hinzu kommt, dass die
Sekundäroptik (Fang- und Umlenkspiegel) sich durch die Wärme an der
Oberfläche verformen kann und verzerrte Bilder liefert. Außerdem
muss mit Geisterbildern gerechnet werden, die durch zahlreiche reflektierende
Flächen im Strahlengang eines Reflektors entstehen, sowie mit
Beugungseffekten durch die Spiegelhalterung. So berichteten Beobachter, dass
sie helle Punkte auf dem dunklen Planetenscheibchen gesehen hätten. Unter
anderem glaubte der Nürnberger Astronom Johann P. Wurzelbauer beim
Merkurtransit vom 3. November 1697 auf Merkur einen Vulkanausbruch entdeckt zu
haben. Vermutlich war der beobachtete Lichtpunkt jedoch ein Geisterbild.
Sicher
beobachten lässt sich die Sonne auch mit einer Camera Obscura oder mit
speziellen Sonnen-
okularen, auch Helioskope genannt bzw. Herschelprismen.
Zu Beginn des Transits schiebt sich das dunkle Venusscheibchen in den
Sonnenrand, eine kleine Einbuchtung zeigt sich. Zu diesem Zeitpunkt ist der
erste Kontakt auch schon vorbei. Er lässt sich somit prinzipiell nicht
genau bestimmen. Damit man wenigstens weiß, wo die Venus eindringen wird,
ist in der Tabelle "Venustransit" der Positionswinkel (P
) des
ersten Kontakts angegeben sowie auch der Positionswinkel (P
) des letzten
Kontakts. Der Positionswinkel wird vom Nordpunkt der Sonnenscheibe über
Ost, Süd und West gezählt. Positionswinkel 118° bedeutet also,
dass der erste Kontakt im Südostquadranten stattfindet, knapp
dreißig Grad südlich vom Ostpunkt der Sonnenscheibe. Auf diesen
Bereich sollte man sich konzentrieren, wenn man möglichst früh das
Venusscheibchen erkennen will. Der zweite Kontakt ist im Prinzip gut zu
erkennen. Das Venusscheibchen löst sich vom Innenrand. Allerdings nur
"im Prinzip". In der Praxis tritt hier das Phänomen des
"Schwarzen Tropfens" auf und macht es fast unmöglich, den
genauen Zeitpunkt zu ermitteln.
Zur Mitte des Transits um 10
22
Sommerzeit ist das Planetenscheibchen
mit 10'41" Distanz für Deutschland immer noch relativ weit vom
Mittelpunkt der Sonnenscheibe entfernt. Dennoch ist es die geringste Distanz.
Geozentrisch betrachtet beträgt die Minimaldistanz 10'27". Beim
Transit vom 8. Juni 2004 schneidet die Venus daher nur eine kurze Sehne aus der
Sonnenscheibe.
Wenn das Planetenscheibchen den gegenüberliegenden Sonnenrand erreicht, so
ist der dritte Kontakt zu registrieren. Auch hier stört das
Schwarze-Tropfen-Phänomen und beeinträchtigt die Zeitmessung. Am
genauesten ist noch der Zeitpunkt des vierten Kontakts zu ermitteln, wenn Venus
die Sonnenscheibe vollständig verlässt. Voraussetzung ist jedoch eine
sehr ruhige Luft, was tagsüber bei Sonnenschein fast nie gegeben ist. Und
so wabert und wallt der Sonnenrand unruhig hin und her und man weiß nicht
ganz sicher, ob man noch einen kleinen Rest des Venusscheibchens sieht oder
eine Seeing-bedingte Einbuchtung des Sonnenrandes.
Wer fotografiert, sollte bedenken, dass das Venusscheibchen winzig klein auf
dem Film abgebildet wird. Selbst bei fünf Meter Brennweite hat das
Planetenscheibchen nur einen linearen Durchmesser von 1,5 Millimeter, bei einem
Meter Brennweite gar nur von 0,3 Millimeter!
Reizvoll ist es natürlich auch, den Venustransit mit elektronischen
Kameras (CCD-Kamera, WebCam, digitale Videokamera) festzuhalten. Bei
fotografischen Aufnahmen oder dem Einsatz elektronischer Kameras empfiehlt es
sich unbedingt, vor dem großen Ereignis ausreichend viele Tests zu machen
und eifrig zu üben. Am 8. Juni soll dann alles klappen. In diesem Jahrbuch
fehlt der Platz, um ausführliche Anleitungen zur Aufnahme des
Venusdurchgangs zu geben. Am besten wendet man sich an erfahrene Sonnenbeobachter
z. B. in Astronomischen Vereinen und Sternwarten. Aber auch blutige Laien, die
den Venustransit gerne durch ein Fernrohr beobachten möchten, sollten eine
Sternwarte aufsuchen.